Schaufelverkäufer Aktien unter dem Radar

Auch an der Börse gilt: Trends kommen und gehen. Entgegen der Modebranche sind an den Finanzmärkten jedoch übergeordnete Trends zu erkennen. Gewinner dieser sogenannten Megatrends werden häufig als Schaufelverkäufer Aktien bezeichnet, also Aktien von Unternehmen, die die Grundlage für solch jahrzehntelange Entwicklungen schaffen.

Ein Paradebeispiel für solch einen Trend-Gewinner stammt aus dem Herzen Europas und gilt gar als Weltmarktführer. Die Rede ist von Advanced Semiconductor Materials Lithography, kurz ASML (ISIN: NL0010273215). Der Schaufelverkäufer, ursprünglich ein Joint Venture des Elektronikriesen Philips und des Halbleiterausrüsters ASM International, bildet mit seinen EUV-Systemen das „Rückgrat“ der weltweiten Chip-Industrie. Nicht zuletzt die Transformationsprozesse rund um Künstliche Intelligenz scheinen dem Konzern in die Karten zu spielen. Allein in den letzten fünf Jahren konnte die ASML Aktie um knapp 140 Prozent zulegen.

Neben ASML performen jedoch viele weitere Schaufelverkäufer prächtig an den Börsen. Mit Renditen von bis zu 7.000 Prozent seit Börsengang müssen sich unsere Schaufelverkäufer Aktien keineswegs hinter dem Chipgiganten verstecken! Vor allem: Die Unternehmen befinden sich unter dem Radar der meisten Anleger und haben somit weit mehr Kurspotenzial als die Niederländer.

Entegris

Bei der Entegris Inc. (ISIN: US29362U1043) handelt es sich, überspitzt formuliert, um eine ASML auf Atomarebene. Zwar ist das knapp 13 Milliarden schwere US-Unternehmen einer deutlich größeren Konkurrenz als der Lithografie-König ausgesetzt, doch auch die Produkte von Entegris dürfen als unverzichtbar für die Herstellung von Halbleitern verstanden werden. Unterschied: Während die „Schaufeln“ von ASML mehrere Stockwerke hoch, bis zu 150 Tonnen schwer und knapp 400 Millionen Euro wert sind, lassen sich die Werkzeuge von Entegris selbst mit modernsten Hightech-Optik-Geräten wie Rasterelektronenmikroskopen nicht erkennen.

Denn im Hause Entegris dreht sich alles um hochkomplexe Chemikalien, beispielsweise um Planarisierungslösungen, die den reibungslosen Betrieb von Wafern gewährleisten und Produktionsprozesse auf Nanometer-Ebene ermöglichen. Neben diesem chemischen „Polieren“ hat sich Entegris auf das Ätzen von Halbleitern spezialisiert – ein unverzichtbarer Prozess innerhalb der Wafer-Fertigung. Während die Niederländer also mit ihren Lithografie-Maschinen die „Pinsel“ für die Hightech-Chip-Industrie liefern, garantiert Entegris die Qualität der „Leinwand“ und liefert obendrauf die perfekte Farbmischung.

Die Bezeichnung perfekt scheint übrigens nicht übertrieben: Mit einer Kundenbindungsrate von über 95 Prozent erfreut sich Entegris einer für die Chemie-Branche überdurchschnittlich stabilen Absatzbasis. Zu den Abnehmern gehört sogar das Who’s who der Halbleiterindustrie – neun der Top-10-Chipgiganten wie etwa die Taiwan Semiconductor Manufacturing Company, besser bekannt als TSMC, setzen auf die Produkte von Entegris. Dies sorgt nicht nur für ein gutes Image, sondern auch für stabile Erträge: Mit einem geschätzten jährlichen wiederkehrenden Umsatz von 1,8 Milliarden US-Dollar erweist sich das eigentlich zyklische Geschäft als äußerst robust.

Nicht nur in der Produktion, auch in der Forschung ist Entegris stark engagiert. Um ihre „Total Solutions“ auf dem neuesten Stand der (Wafer-)Technik zu halten, fließen bei den Amerikanern rund 320 Millionen US-Dollar in den F&E-Bereich – knapp 11 Prozent des Gesamtumsatzes. Quelle: Youtube-Kanal der Entegris Inc.

Mit einer hohen Kundenbindung, stabilen Einnahmen und unverzichtbaren Produkten für einen globalen Zukunftsmarkt müsste sich die Entegris Aktie im Höhenflug befinden. Weit gefehlt: Seit dem Allzeithoch bei rund 153 US-Dollar im November 2021 haben die Anteilsscheine des Global Players um 43,44 Prozent an Wert verloren. Noch skurriler: Entegris konnte im abgelaufenen Quartal einen Rekord-Cashflow verzeichnen, profitiert von einer anziehenden „Content-per-Wafer“-Rate (Chips benötigen mehr Materialien) und rechnet mit einem Umsatz von 790 bis 830 Millionen US-Dollar. Exakt im Rahmen der Konsensschätzungen (810 Millionen US-Dollar).

Die jüngste Negativperformance rührt aus einer ganzen Reihe an Faktoren, die in Summe Bedenken in puncto Wachstum und Marktstellung aufkommen ließen. Hier wäre etwa die Übernahme von CMC Materials im Juli 2022 zu nennen. Denn Entegris finanzierte den Zukauf des einstigen Konkurrenten durch Schulden, was die Bilanz deutlich belastete und im Umfeld steigender Zinsen die finanzielle Gesundheit infrage stellte. Tatsächlich jedoch birgt die Übernahme enorme Chancen. Stichwort Synergieeffekte! Zahlreiche Analysten bewerteten die Integration von CMC als positiv; die Experten der CitiBank vergaben sogar ein Kauf-Rating mit erhöhtem Kursziel (125 US-Dollar).

Die Erschließung neuer Werke respektive eine sinkende Bruttomarge, Insiderverkäufe in Volumen von teils über 4 Millionen US-Dollar und Rückgänge im China-Geschäft infolge der verschärften US-Zoll-Politik setzten die Aktie dennoch unter Druck. Die Story ist jedoch intakt, die aktuellen Margenprobleme sollten sich nivellieren, der Schuldenabbau schreitet laut Management voran und der Zollproblematik will man mit neuen Lieferketten entgegenwirken. In Anbetracht stetig steigender Umsätze (2010: 0,69 Milliarden US-Dollar, 2015: 1,01 Milliarden US-Dollar, 2024: 3,2 Milliarden US-Dollar, 2027e: 3,6 Milliarden US-Dollar) und der Positionierung dürfte die Entegris Aktie auf dem aktuellen Level von 85 US-Dollar einen guten Einstiegszeitpunkt bieten. Aufgrund der Zyklik erntet der Konzern im Qualitätscheck TraderFox GmbH 7 von 15 Punkten. Gemessen am Piotroski-F-Score schneidet Entegris mit 8 von 9 Punkten wiederum hervorragend ab.

Maximal-Chart der Entegris Aktie in USD (Börse NASDAQ). Quelle: finanzen.net

GUT ZU WISSEN

Als Schaufelverkäufer Aktien gelten Wertpapiere von Unternehmen, die Ausrüstung, Komponenten oder Infrastruktur für dedizierte Branchen liefern. Hierzu gehören etwa Anbieter von Baumaschinen und Werkzeugen. Das Motto: Egal, wer im Rennen um die besten Endprodukte/Services gewinnt – der Zulieferer, sprich Schaufelverkäufer, verdient mit.

Dennoch: Schaufel Aktien sind keine Selbstläufer. So werden zum Beispiel bestimmte Arten von Maschinen regelmäßig benötigt. Die letztendliche Nachfrage ist jedoch stark investitionsabhängig. Wird weniger gebaut, gefördert oder produziert, trifft dies auch den Verkäufer der Schaufeln. Die Auswirkungen von Konjunkturzyklen und Investitionsbudgets werden bei der Bewertung dieser Aktien häufig unterschätzt.

Verbrauchsgut oder Investitionsgut? Viele „Schaufeln“ erfahren nur auf den ersten Blick eine konstante Nachfrage. Tatsächlich handelt es sich oft um langlebige Investitionsgüter, deren Erneuerung hinausgezögert werden kann. In den markttypischen Schwächephasen brechen somit Investitionsausgaben  ein. Entscheidende Faktoren bilden deshalb branchen- und marktypische Charakteristika, etwa regulatorische Vorgaben, die nur wenige, hochspezialisierte Unternehmen erfüllen.

Solch ein Burggraben macht den Unterschied zwischen einem augenscheinlichen und wahrhaften Schaufelverkäufer aus, wobei sich dieser Graben für gewöhnlich aus verschiedenen Faktoren zusammensetzt. Eine einzelne Schaufel beziehungsweise eine einzelne Eigenschaft ist leicht kopierbar. So spielen Punkte wie Markenbindung, Servicenetzwerke, Aftermarket-Geschäfte sowie Skaleneffekte und Kundenzugänge eine entscheidende Rolle bei der Bewertung von Schaufel Aktien.

Toromont Industries

Bei Toromont Industries handelt es sich nicht nur im übertragenen, sondern im wahrsten Sinne um einen Schaufelverkäufer. Die Toromont Industries Aktie (ISIN: CA8911021050) darf sogar als einer der stabilsten Dauerläufer bezeichnet werden. Mit ihren Produkten decken die Kanadier einen Großteil der Wertschöpfungskette der modernen Bergbauindustrie ab, profitieren allerdings nicht nur vom stetigen Rohstoffhunger, der auch im 21. Jahrhundert nicht nachlassen dürfte. Ein typisches Produkt von Toromont: Schaufeln. Die (hydraulischen) Großraumschaufeln dieses Urgesteins der Bergbauindustrie fassen knapp 700-mal so viel Sand, Stein, Kies & Co. wie eine klassische Spatenschaufel.

Da diese sogenannten Buckets bis zu 6,3 Tonnen schwer und rund 13 Kubikmeter groß sind, bietet man seine Produkte zum Kauf oder Miete gleichermaßen an. Nur in letzterem Fall organisiert Toromont den Transport – andernfalls muss der Käufer die Kosten für Schaufel & Co. tragen! Die „Rent a Bucket“-Angebote machen nur einen von vielen Services aus: Neben der Mietoption vieler weiterer Produkte gehören etwa die Wartung von Equipment und Fahrzeugen (auf Wunsch inklusive Datenauswertung), tiefgreifende Fluid- und Öl-Analysen, ein 24/7-Bereitschaftsdienst für Vor-Ort-Einsätze und Notfallreparaturen, Wiederaufbereitungsservices und Schulungsprogramme zur Servicepalette. Wer in das KI-Bergbau-Zeitalter eintauchen möchte, findet zudem in „Toromont Connect“ eine datengestützte Technologieplattform.

Was Toromont Industries als einen der verlässlichsten Schaufelverkäufer auszeichnet, ist demnach der Mix aus einem breiten Sortiment an Geräten und Equipment (Products) und einem ebenso breiten Servicegeschäft (Product Support). Während der Konzern mit seinem Kerngeschäft vom Run auf Edelmetalle, Erzen und Grundstoffen für die weltweite Bauindustrie insbesondere in starken Wirtschaftsjahren profitiert, federn die Serviceleistungen Ertragseinbrüche in schwachen Konjunkturphasen ab. Das Risiko, die mitunter mehrere Millionen teuren Investitionen aufgrund gekündigter Wartung abschreiben zu müssen, möchte kaum ein Kunde tragen. Mittlerweile stammen bereits 40 Prozent der Umsätze aus den besonders margenstarken Service-Angeboten.

Toromont Industries profitiert nicht nur vom Run auf Edel- und Industriemetalle. Über die Sparte Toromont Power Systems ist der Konzern auch als Lieferant von Notstrom-Generatoren tätig. Hier zu sehen: Ein BESS-System, welches über die Lithium-Ionen-Batterie eine Ausgangsleistung von 27 kW gewährleistet. Quelle: toromontpowersystems.com

In den letzten Wochen weckten nicht nur die deutlich gestiegenen Rohstoffpreise das Interesse der Anleger. Denn mit Systemen für die Produktion und Speicherung von Energie hat sich der Bergbaugigant auch im Bereich der dezentralen Stromversorgung positioniert – ein Sektor, der im Rahmen der KI-Rallye deutlich an Bedeutung gewonnen hat. Die Internationale Energieagentur aka IEA beispielsweise geht von einem Anstieg des Strombedarfs von knapp 100 Prozent bis ins Jahr 2030 aus. Wesentlicher Treiber: Rechenzentren. Toromont liefert mit seinen BESS-Systemen (Battery Energy Storage Solutions) eine praktikable Zwischenlösung, bis Wind-, Solar-, Wasser- und nicht zuletzt Atomkraft diesen Stromhunger tilgen können. Vor allem eignen sich die Modelle als Notstromaggregate, etwa im Falle von Netzausfällen.

Toromont ist damit nahezu identisch wie der große Bruder aus den USA, die Caterpillar Inc. (ISIN: US1491231015), positioniert. Ganz gleich ob Bagger, Gabelstapler, Flurförderbänder, Bohrer oder eben Energiespeicherlösungen bietet man das Rundum-Paket für Bergbau- und Explorationsunternehmen. Apropos Caterpillar: Seit 1993 übernimmt Toromont nahezu den gesamten Caterpillar-Vertrieb in Nordamerika beziehungsweise Kanada. Hier agiert man quasi als der einzige autorisierte Händler von Caterpillar-Produkten. Wichtig: Während die Amerikaner sämtliche Produkte herstellen, beschränken sich die Kanadier auf den reinen Vertrieb inklusive Wartung.

Mit einem Kurszuwachs von über 7.000 Prozent seit dem Börsengang gehört die Toromont Aktie zu den klaren Outperformern – nicht nur im Rohstoffsektor. Selbstverständlich ist nicht alles Gold, was glänzt. Aufgrund der jüngsten Kurszuwächse kratzt die Bewertung an einem historischen Hoch: Das KGV liegt mittlerweile bei über 27. In der Vergangenheit folgten auf solche Bewertungsaufschläge stets Rücksetzer. Auch der eher maue Free-Cash-Flow und insbesondere die Abhängigkeit vom Caterpillar-Geschäft sollten Anleger auf dem Schirm haben.

Die Fundamentaldaten hingegen können durch die Bank überzeugen. Seit zehn Jahren klettert der Umsatz prächtig (2015: 1,8 Milliarden Can-Dollar, 2025: 5,2 Milliarden Can-Dollar, 2028e: 5,9 Milliarden Can-Dollar), und die Aktienanzahl bleibt konstant. Mittlerweile ist Toromont in den Rang eines Dividendenaristokraten aufgestiegen: Seit 36 Jahren erhöht der Konzern seine Dividende. Jährlich, im Schnitt um nahezu 12 Prozent. Im Qualitätscheck von TraderFox sahnt Toromont Industries 13 Punkte ab. Nur der Piotroski-F-Score lässt mit 6 Punkten Luft nach oben erkennen.

Maximal-Chart der Toronto Industries Aktie in CAD (Börse Toronto). Quelle: finanzen.net

West Pharmaceutical Services

Seite an Seite investieren mit einem der reichsten Menschen? Kein Problem! Wer sich für die Aktie von West Pharmaceutical Services Inc. (ISIN: US9553061055) entscheidet, folgt dem Microsoft-Gründer Bill Gates. Besser gesagt der Bill & Melinda Gates Foundation. Insgesamt 444.615 Anteile an West Pharmaceuticals Services, kurz West Pharma, wurden im vergangenen Jahr von der Stiftung zu einem Durchschnittspreis von gut 275 US-Dollar erworben. Seit ihren Tiefs bei rund 200 US-Dollar hat sich die Aktie deutlich erholt und notiert derweil gut 25 Prozent über Crash-Niveau. Doch was macht West Pharma? Salopp formuliert fertigt der Pharmariese allerlei Equipment, das zur Aufbewahrung und Verabreichung von Arzneimitteln notwendig ist. Hierzu gehören etwa:

 

Containment Solutions

Primärverpackungen, also Komponenten, die direkt mit Medikamenten in Berührung kommen und eine hohe klinische Reinheit besitzen müssen. Dies machen etwa Gummi- und Kolbenstopfen für Glasvials, Fertigspritzen und Aluminiumsiegel aus.

Delivery Systems

Spezielle Verabreichungssysteme wie Autoinjektoren für MS-Patienten und Allergieschocks, bei denen die Nadel auf Knopfdruck automatisch ausgelöst wird. Hinzu kommen tragbare Injektoren beziehungsweise Wearables für die Hautplatzierung und subkutane Übertragung von Wirkstoffen.

Contract Manufacturing

Anwendungsorientierte Spezialprodukte, die im Auftrag anderer Pharmafirmen hergestellt werden. Während der Corona-Pandemie erlebte diese Sparte ein enormes Wachstum, denn neben Blutzuckermessgeräten fallen auch COVID-Tests sowie Inhalatoren in diesen Bereich.

 

Das Interessante: Im Gegensatz zur Konkurrenz konzentriert sich West Pharma auf „High-Value“-Komponenten. Beispielsweise fertigt man Ampullen ähnlich wie die deutsche Gerresheimer AG und Schott Pharma SE. Mit Daikyo Crystal Zenith hat West Pharma allerdings eine (nahezu) bruchsichere Alternative geschaffen, die bei stabilitätskritischen Arzneiprodukten als das Nonplusultra für die sichere Aufbewahrung gilt – und gut zehnmal so viel kostet wie die Standardausführung. Nicht wenige Experten sehen den Konzern bereits als Schlüsselakteur für die aufziehende Biotechnologie-Revolution, die sich durch den Einsatz von KI in der Arzneimittelforschung ergeben könnte.

Mit Daikyo Crystal Zenith führt West Pharma eine Produktreihe auf Basis nahezu einzigartiger Hochleistungskunststoffverbindungen und hebt sich damit sowohl qualitativ als auch preislich von der Konkurrenz ab. Quelle: Autor

Der USP ist also gegeben. Obendrauf kommen zahlreiche regulatorische Vorgaben, die West Pharma einen, wenn auch nicht unüberwindbaren Burggraben verschaffen: Produkte wie sie die Amerikaner herstellen, unterliegen nicht nur strengsten Sicherheitsanforderungen, sondern sind bei der Einreichung von Zulassungsanträgen untrennbar mit dem Wirkstoff verknüpft. Heißt: Pharmakonzerne, die eine Zulassung anstreben, West Pharma als Partner wählen und grünes Licht erhalten, können nicht ohne Weiteres auf die Produkte der Konkurrenz zurückgreifen. Die Injektions- und Infusionssysteme sind integraler Bestandteil des Medikaments. Beispiel USA: Sämtliche Komponenten werden bei Antragsstellung im sogenannten Drug Master File festgehalten. Equipment inbegriffen! Möchten die Produzenten auf Lösungen anderer Hersteller umsatteln, müssen diese nicht nur Zeit für Studien (6 bis 12 Monate), sondern auch Forschungsgelder (500.000 – 1 Milliarde US-Dollar) für eine erneute Zulassung investieren.

Dass die Aktie über 40 Prozent von ihrem Allzeithoch entfernt notiert, resultiert aus mehreren Gründen. Der offensichtliche Auslöser waren die Ergebnisse im Februar 2025. Zwar wurde mit den gemeldeten Quartalszahlen der Konsens geschlagen, allerdings nur auf Basis von Umsatz und Gewinn. Die Brutto- und Nettomargen hingegen sanken deutlich. Vor allem verunsicherte der Ausblick: Analysten hatten für 2025 mit einer deutlichen Margenausweitung und einem Gewinn pro Aktie von 7,45 US-Dollar gerechnet. West Pharma hingegen stellte eine Gewinnspanne zwischen 6,00 und 6,20 US-Dollar in Aussicht.

Des Weiteren belasten die Entwicklungen im GLP1-Sektor: Unternehmen wie Novo Nordisk und Eli Lilly präsentierten jüngst neue Formen von Wegovy und Ozempic. In Pillenform! Die oralen Abnehmpillen dürften das Geschäft tatsächlich belasten – derzeit machen GLP-1-bezogene Produkte einen Umsatzanteil von rund 8 Prozent aus. Überhaupt hat der Pharmasektor derzeit zu leiden: Die Trump-Administration hat bereits zahlreiche Forschungsprojekte gestoppt, plant massive Änderungen im Gesundheitswesen und will nicht zuletzt massive Kostensenkungen durchsetzen.

Dass sich ein Einstieg auf dem aktuellen Niveau dennoch lohnen könnte, offenbart ein Blick auf die Fundamentaldaten. Mit einem durchschnittlichen Umsatzwachstum von zehn Prozent gehört West Pharma zu den beständigsten Unternehmen aus dem Gesundheitssektor. Das Gewinnwachstum liegt gar bei 15,6 Prozent und unterstreicht damit zweierlei: Einerseits gelingt dem Konzern eine stetige Ausweitung der Margen. Andererseits verfügt man über eine zuverlässige Kundschaft, was auch die Kundenbindungsrate nahe 98 Prozent widerspiegelt. Neben der Preissetzungsmacht überzeugt zudem die finanzielle Verfassung. Zwar weist der Konzern Verbindlichkeiten von 202 Millionen US-Dollar aus, kann diesen jedoch knapp 519 Millionen US-Dollar an liquiden Mitteln und ein Eigenkapital von 2,9 Milliarden US-Dollar gegenüberstellen.

Ungeachtet des Kurssturzes liegt die Bewertung allerdings nach wie vor auf einem hohen Niveau: Gemessen am KGV von 40 und einem KBV von 6,5 gehört West Pharma zu den teuersten US-Pharma-Konzernen. Allerdings liegt das PEG-Ratio bei über 14 und damit auf historischen Höchstständen – derzeit preist der Markt nur ein minimales Gewinnwachstum ein. Diese Skepsis birgt allerdings auch Überraschungspotenzial. Im TraderFox-Qualitätscheck kann West Pharma mit 11 Punkten überzeugen, kassiert jedoch nur 4 Punkte im Piotroski-F-Score.

Maximal-Chart der West Pharma Aktie in USD (Börse NYSE). Quelle: finanzen.net

Fazit

Wer nach beständigen und zukunftsorientierten Investments sucht, ist mit Schaufelverkäufer Aktien gut beraten. Ob sich das Geschäft jedoch tatsächlich als ein Stabilitätsanker erweisen kann, ist häufig nur auf den zweiten Blick ersichtlich. Hinter dem augenscheinlichen Burggraben verbirgt sich im Worst Case vielmehr ein Mitläufer als ein Bollwerk. Neben der Marktstellung und dem Geschäftsmodell spielen somit auch die Fundamentaldaten eine entscheidende Rolle. Kommen bei den Investoren Zweifel auf, leiden die Schaufel Aktien sogar teils deutlich mehr als der Gesamtmarkt, da das jahrelange Vertrauen meist zu einer überdurchschnittlichen Bewertung führt. Mit unseren drei Schaufelverkäufer Aktien erweitern Anleger ihr Portfolio jedoch um echte Branchenmeister, die sich durch sehr spezielle, teils einzigartige Kompetenzen auszeichnen.

Beispiel Toromont Industries. Die Aktie des Bergbau-Champions befindet sich in einem mustergültigen Aufwärtstrend, die Fundamentaldaten geben kaum Anlass zur Kritik und auch das duale Geschäftsmodell stimmt zuversichtlich. Letztendlich ist man allerdings in einem zyklischen Sektor angesiedelt. Der Markt rechnet zudem mit weiter steigenden Preisen für Edel- und Industriemetalle respektive steigender Produktnachfrage nach Bagger & Co., wodurch ein Teil der jüngsten Käufe vielmehr sentimentgetrieben sein dürfte. Kleine Rücksetzer können somit zu ausgedehnten Korrekturen führen. Diese bieten allerdings eine Einstiegschance.

Deutliche Rabatte gibt es wiederum bei West Pharmaceutical Services. Abwärtspotenzial besteht nach wie vor, doch bei näherer Betrachtung von Geschäftsmodell und Marktstellung überwiegen derzeit die Chancen. Der Konzern befindet sich derzeit in einem Strudel aus Negativschlagzeilen und Branchenverwerfungen, die die jahrelange Marktführerschaft infrage stellen. Nüchtern betrachtet ist die Story jedoch intakt und das Unternehmen könnte im laufenden Jahr ein Comeback feiern. Mit ihrem High-Value-Equipment hebt sich West Pharma von der breiten Konkurrenz ab, genießt einen hohen regulatorischen Vorteil und bietet die Grundlage für die anstehende Revolution in der Biotechnologie.

Ähnliches gilt für Entegris: Der Konzern könnte mit seinem Portfolio zum Hidden-Champion der Mikro-Halbleiter-Bewegung aufsteigen. Die Kundenbasis überzeugt ebenfalls, während die breite Produktpalette klassische Aufs und Abs der Halbleiterindustrie abfedert. Aufgrund der omnipräsenten Konkurrenz muss der Konzern allerdings kräftig investieren, sodass die Schuldensituation im Auge zu halten ist. Gelingt die Integration von CMC Materials, sollte die Aktie wieder an Fahrt gewinnen.

Haftungsausschluss

Der Autor weist darauf hin, dass er keinerlei Gewähr für die Richtigkeit und Aktualität der im Text genannten Informationen gibt. Zudem besteht die Möglichkeit, dass er Aktien der erwähnten Unternehmen besitzt und/oder zu erwerben gedenkt, wodurch ein Interessenkonflikt gegeben sein kann. Wer also Anlageentscheidungen auf Basis der in diesem Beitrag genannten Angaben trifft, handelt auf eigene Verantwortung.

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